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Material 25 Jahre Lawinenairbag - die Systeme der neusten Generation

Verfasst von: Admin am 05.01.2008, 13:46 Uhr
Peter Aschauer hat anfangs der Achtziger Jahre den ABS Lawinenairbag entwickelt. Die Idee dazu hatte in den Siebzigern der Förster Josef Hohenester, der beim Abtransport von seinem erlegten Wild auf den Schultern in steilem Gelände ein Schneebrett ausgelöst hatte. Er bemerkte dass er durch den großen Tierkörper auf seinen Schultern regelrecht an die Oberfläche gezogen wurde. Er experimentierte in den Jahren 1975 bis 1979 mit Auftriebskörper und konnte zeigen, dass durch eine massive Erweiterung des eigenen Volumens eine Verschüttung vermieden werden kann und hat das Prinzip patentiert. Aschauer begann nach einem glimpflich ausgegangenen eigenen Lawinenerlebnis beim Heliskifahren in Kanada sich mit der Thematik zu befassen und erwarb das Patent des Försters. So wurden die ABS Lawinenairbags geboren. Heute kann Peter Aschauer auf eine Vielzahl von geretteten Leben zurückschauen, wie die Statistiken des Schweizer Lawinen-Forschungsinstitut in Davos dokumentierten.

Die Systeme im Überblick:

BeimABS-Doppel-Airbag wird mittels eines aktiv vom Benutzer auszulösenden Systems eine Treibgaspatrone aktiviert. Diese wird allerdings aufgrund einer Neuentwicklung von einer Patrone pyrotechnisch ausgelöst. Der dadurch entstehende Druck wird über eine Druckleitung zu einem Auslösedorn geführt, der die Patrone ansticht. Nun füllt das Treibgas, zusammen mit der angesaugten Umgebungsluft, die beiden an den Seiten des Rucksackes angebrachten, jeweils 85 Liter fassenden Ballone. Der Vorteil dieses Systems liegt darin, dass es platzsparend im Rucksack untergebracht ist, dadurch mehr Raum für das Gepäck lässt und einen verbesserten Tragekomfort bietet.

Bei derAvagear befindet sich im Kragen einer Weste ein Ballon mit 90 Liter Volumen, der ähnlich wie die ABS-Airbags mittels einer Druckluftpatrone befüllt wird, die durch eine Reißleine manuell ausgelöst wird. Von der Kragenform des Airbags erhoffte man sich, dass der Kopf des Lawinenopfers mit größerer Wahrscheinlichkeit nicht verschüttet wird als bei den ABS-Airbags. Zusätzlich soll die Kragenform, die auf die Hals-Nackenregion wirkenden Kräfte mindern sowie im Falle einer Ganzverschüttung eine Atemhöhle erzeugen. Die Avagear wurde von der Firma püf! AVAGEAR Inc. in San Francisco Kalifornien entwickelt, hat aber bisher nie die marktreife bzw. eine Zertifizierung erreicht, so dass das Produkt im Ladern erhältlich wäre. Nach Insider Informationen hat die Entwicklerfirma auch die Patentrechte für den "Kragen-Airbag" nicht geltend machen können.

Das neuste Produkt am Markt ist derLife Bag von Snowpulse, ebenfalls ein Lawinenairbag. Der Life Bag wird bereits sehr erfolgreich in der Schweiz, Österreich und Frankreich mit über 200 verkauften Rucksäcken am Markt positioniert. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus dem ABS-Doppel-Airbag und der Avagear Weste. Der Life-Bag formt den Airbag wie bei der Avagear Weste um den Kopf der zu schützenden Person, bietet darüber hinaus aber durch weit bis vor die Brust gezogene Airbags noch wesentlich mehr Auftriebsvolumen. Der wesentliche Vorteil des Life-Bag Systems gegenüber dem ABS-Doppel-Airbag ist wie beim Avagear die bei einem Lawinenabgang zu erwartende Endposition des Lawinenopers. Durch die Verlagerung des Auftriebsvolumens in den Kopf- und Brustbereich wird mit einer deutlich größeren Wahrscheinlichkeit der Kopf des Lawinenopfers nicht verschüttet. Darüber hinaus schützt der Airbag den Kopf- und Brustbereich vor mechanischer Fremdeinwirkung während des Lawinenabgangs. Das Auslösen des "Life Bag" wird manuell durch einen einfachen Zug an einem Handgriff kontrolliert. Der Airbag mit einem Gesamtvolumen von 150 Liter wird dabei in weniger als 3 Sekunden vollständig aufgeblasen. Die Wiederanwendung des "Life Bag" nach vorheriger Auslösung ist einfach und durch den simplen Wechsel der Gaspatrone und das Zusammenfalten des Airbags möglich. Diese Wiederinbetriebnahme kann entweder von einem Fachgeschäft oder durch den Anwender selbst vorgenommen werden. Dies gibt dem Anwender die Möglichkeit sich mit der Funktionsweise von "Life Bag" vertraut zu machen, bevor der Airbag zum ersten Mal auf einer Bergtour zum Einsatz kommt.

DerLawinenball ist eine logische Weiterentwicklung der traditionellen Lawinenschnur. Er besteht aus einem lampionförmigen, zusammengefalteten Ball mit einem Durchmesser von ca. 60 cm, der an einer 6 Meter langen Schnur an einem Bauchgurt befestigt ist. Das System wird am Rucksack angebrachten und besteht aus einer einer Systemtasche und der Reißleine. Nach dem Ziehen dieser öffnet sich die Systemtasche und gibt den Ball frei, der sich innerhalb von Sekundenbruchteilen durch einen Federmechanismus entfaltet. Der Lawinenball sollte nach einem Lawienabgang an der Oberfläche bleiben und der Verschüttete kann so rasch über die Schnur, die direkt zum Verschütteten führt rasch geortet werden. Laut Hersteller haben die Erfahrungen mit dem Lawinenball der letzten 6 Jahre gezeigt, dass im Falle einer Auslösung der Lawinenball nach einer Verschüttung immer zuverlässig an der Oberfläche lag und die Kameraden über die Verbindungsleine direkt zu den Verschütteten führte. Zeitaufwendige Suchtechniken wie Grob-, Fein- und Punktortung entfallen zur Gänze! Dadurch wird enorm viel Zeit gespart.

Dort werden nahezu alle Lawinenereignisse mit Personeneinwirkungen im Alpenraum registriert. Das SLF hat in den vergangenen Jahren 106 Lawinenunfälle dokumentiert, bei denen ein ABS Lawinenrucksack zum Einsatz kam. Mit ausgelöstem Airbag überlebten 105 Personen. Eine Person wurde von einer Nachlawine verschüttet. Von den 105 Personen waren ca. 90% gar nicht verschüttet oder nur teilverschüttet. Ca. 10% waren ganz verschüttet (d.h. der Kopf war verschüttet). Diese 10 % waren aber so nahe an der Schneeoberfläche, dass zumindest der Airbag noch zu sehen war. Eine schnelle Bergung war somit möglich. Diese beeindruckende Erfolgsstatistik der ABS Lawinenairbags zeigt das Potential dieser Technik. Die dramatischen Berichte lassen klar vermuten, dass die Betroffenen die Lawine ohne den Lawinenairbag nicht überlebt hätten, betont Peter Aschauer nicht ohne Stolz.

Durch den Lawinenairbag geschieht ein Umdenken weg vom passiven sich-verschütten-lassen hin zur aktiven Vermeidung der eigenen Verschüttung. Rund 10 % aller Lawinenopfer sind tot wenn die Lawine steht. Egal wie sie ausgerüstet sind. Sie sterben durch mechanische Fremdeinwirkung auf den Körper zum Beispiel durch Felskontakt während des Lawinenabgangs. Es ist die Verschüttung die den restlichen Lawinenopfern das Leben kostet.

Die meisten Tourengeher und Skifahrer interpretieren die Lawinengefahr und das Restrisiko falsch: Es kommt nämlich nicht darauf an, ob man das neueste LVS-Gerät hat und wie man damit umgehen kann und ob man geübt ist im Ausgraben. Was einzig und allein zählt ist, dass man zunächst den Absturz mit den Schneemassen überlebt und nicht verschüttet wird. Dagegen schützt kein LVS-Gerät, kein Avalanche Ball und auch keine Atemweste, sie alle sind sinnvolle aber lediglich passive Sicherheitsausrüstung. Wer verschüttet wird, kann außer piepsen (das automatische Senden des LVS-Geräts) nichts mehr, aber auch gar nichts für sich tun. Eine Verschüttung endet für das Opfer meist in einer unkontrollierten Körperposition und das schaffen einer Atemhöhle kurz vor Stillstand der Lawinen gelingt sehr selten, im Gegenteil meist ist durch ein anatmen Mund und Nase vollständig mit Schnee gefüllt. Das Lawinenopfer ist in akuter Lebensgefahr. Es kann nur warten und hoffen, rechtzeitig geborgen zu werden und ist dazu ausschließlich auf die Hilfe von Nichtverschütteten angewiesen und egal ob Profi oder Gelegenheitstourengeher, als Verschütteter ist jeder gleich hilflos.

Um jemanden aus der durchschnittlichen Verschüttungstiefe von einem Meter aus fest verpresstem Lawinenschnee auszugraben, benötigt man mindestens 10 Minuten. Hinzu kommt die Zeit für die Ortung des Opfers und das Sondieren. Statistisch nehmen die Überlebenschancen nach 15 Minuten Verschüttungszeit rapide ab. Das ist auch der Grund, warum ca. 50 % der verschütteten Lawinenopfer nur noch tot geborgen werden können. Nur wer die eigene Verschüttung verhindern kann, hat die größten Überlebenschancen und davor kann ein Opfer nur ein Lawinenairbag effektiv bewahren. Der Avalanche Ball ist hier keine wirkliche Alternative, da dieser die Verschüttung nicht verhindern kann, sondern lediglich durch ein schnelles Auffinden die Verschüttungszeit reduziert. Von den inzwischen 16 bekannt geworden Unfällen bei denen ein Lawinenball zum Einsatz kam, konnten alle Verschütteten binnen kürzester Zeit gerettet werden. Hier zeigt sich allerdings ein erheblicher Nachteil das Systems, denn der Verunglückte ist immer noch auf die Bergung durch die Nichtverschütteten angewiesen. Für den Fall einer Verschüttung einer Einzelperson oder einer gesamten Gruppe, die beim Aufstieg komplett verschüttet wird, bietet das System somit lediglich einen sehr geringen zusätzlichen Vorteil. Hier kann lediglich ein Lawinenairbag wirksam vor der Verschüttung schützen. Die ausgewerteten Zahlen über Unfälle mit Airbags vom SLF zeigen dass von insgesamt 32 verschütteten Personen 15 nicht verschüttet wurden und somit in der Lage wären, weiteren Verschütteten sofort zu helfen.

"Nur wenn es eine Ausrüstung geben würde", so Peter Aschauer, "mit der sich die Gefahr eines Lawinenabgangs reduzieren ließe, könnte man die Lawinengefahr verringern. Der Lawinenairbag und alle anderen Lawinen-Notfallausrüstungen (LVS-Gerät, Lawinenschaufel, Lawinensonde, Avalanche Ball und Atemweste) können in keiner Weise eine Lawine verhindern und deshalb kann man damit auch nicht mehr Risiko wagen. Die Werbeaussagen mancher LVS-Gerätehersteller "sicher auf Skitour mit dem Gerät XY", oder Schaufel und Sonde als Sicherheitsausrüstung anzupreisen, sind irreführend und für manchen Unerfahrenen auch gefährlich."

Beachtet werden muss auch die Wartungsarbeit am ABS-System. Nur ein optimal gewarteter Airbag, das bedeutet korrekter Füllstand der Treibgaspatrone, sowie systemgerechtes Falten und Verstauen der Luftsäcke in den Seitentaschen des Rucksackes, garantiert einen fehlerfreien Betrieb.

Das Auslösen all dieser Systeme hat aktiv vom Benutzer zu erfolgen und kann durch mehrfaches Üben und eine mentale Vorbereitung auf den Ernstfall die Wahrscheinlichkeit der korrekten Auslösung ausreichend hoch gehalten werden.

ABS-Lawinenairbag, LVS-Gerät, Schaufel und Sonde sind daher die optimale Notfallausrüstung und werden von Experten empfohlen.

Wirkungsprinzip eines Lawinenairbags

Die Wirkungsweise eines Lawinenairbag ist der Natur abgeschaut. Jede Lawine besteht aus einzelnen Schneekristallen. Geraten diese z.B. bei einer Fließlawine in Bewegung beginnt der Entmischungsprozess, bei dem die kleineren Schneekristalle die größeren unterkriechen und nach oben drücken. Solange die Lawine sich bewegt wiederholt sich das immer wieder. Ein Lawinenairbag wirkt nicht wie oft fälschlich angenommen durch den Auftrieb eines leichteren Körpers in einer Flüssigkeit sondern durch das physikalische Prinzip der inversen Segregation in granularen Strömungen. Unter dem Einfluß der Schwerkraft entmischen sich Strömungen granularer Medien (kugelförmige Körper) derart, dass große Körper oben, kleinere eher unten zu finden sind. Es ist also die Lawine selbst, die den Skifahrer immer wieder nach oben drückt. Nur kann er sich, durch sein höheres Volumengewicht nicht an der Oberfläche halten, er sinkt immer wieder zurück und so kommt es in der auslaufenden Lawine zur Verschüttung. Ein Lawinenopfer mit geöffnetem Lawinenairbag stellt einen großen Körper in einer als granulare Strömung aufgefassten Fließlawine dar. Der Lawinenairbag erhöht aufgrund des zusätzlichen Volumens die Wahrscheinlichkeit, in der fließenden Lawine "nach oben sortiert" zu werden. Das Prinzip der Segregation funktioniert allerdings nur in einem sich bewegenden Medium (Lawine)! Werden die Schneemassen langsamer und kommen zum Stillstand, baut sich die Auftriebskraft ab und kommt schließlich zum Erliegen. Im Staubereich von Lawinen, besonders im Zusammenhang mit zeitlich verzögertem Nachfließen von Schneemassen, ist trotz Airbag eine Verschüttung möglich und auch schon vorgekommen (BergundSteigen Ausgabe 01/2006: Apropos ABS und Tourenbindung: Mein Lawinenunfall von Edi Koblmüller (Bergführer)).

Die eigene Verschüttung verhindern - durch Volumenanpassung

Kalter trockener Pulverschnee hat eine sehr geringe Dichte, aber viel Volumen. Der Mensch hat im Gegensatz dazu eine große Dichte aber ungefähr 1,5x weniger Volumen. Um auf dem Schnee zu schwimmen und nicht einsinken zu können braucht er deshalb ein zusätzliches Volumen von ca. 1,5 mal seines Gesamtgewichts. Bei 100 kg sind das zusätzlich 150 Liter Volumen.



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